Wir leben in einem Zeitalter grassierender Verschwörungstheorien, KI-Deepfakes und weit verbreiteter Online-Propaganda, einer sogenannten ‹Post-Truth World›, in der die Grenzen zwischen Information und Desinformation, Fakt und Fiktion immer schwieriger zu ziehen scheinen. Umso dringlicher scheint die Forderung nach Authentizität und verlässlichen Fakten zu sein, nicht nur im Journalismus und in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst, die traditionell als Domäne der Fiktion und Fantasie gilt. In den letzten zwei Jahrzehnten sind Methoden zum Sammeln, Verifizieren, Dokumentieren und Untersuchen von Beweisen in der zeitgenössischen künstlerischen Praxis zu einem zentralen Thema geworden, was zu einem Boom einer «forensischen Ästhetik» geführt hat.
In diesem Seminar werden wir uns zentralen Aspekten der forensischen Ästhetik nähern, indem wir künstlerische Praktiken wie die von Forensic Architecture oder Trevor Paglen sowie aktuelle Formen von Online-Journalismus und Open-Source-Intelligence analysieren. Wie rekonstruieren diese visuellen Untersuchungen vergangene Ereignisse aus verstreuten Spuren und disparaten Daten, und welche Darstellungsmittel verwenden sie, um ihre Argumente zu belegen und ihr Publikum zu überzeugen? Wie kann der Ausstellungsraum zu einem Ort werden, an dem forensische Beweise produziert und sichtbar gemacht werden? Was bedeutet es, wenn die Grenzen zwischen Kunst, Journalismus und Aktivismus verwischt werden? Und was passiert, wenn die Ästhetik der Forensik missbraucht wird und pseudo-forensische Untersuchungen zu einer Waffe der Propaganda und Desinformation werden?