Angesichts der Flut KI-generierter Bilder und Videos in den sozialen Medien mehren sich die Warnungen vor Manipulation und Desinformation. Manche sehen mit dem sogenannten «AI Slop» gar das «Ende der Wahrheit» gekommen. Solche Warnungen sind dabei nicht neu. Bereits in den 1990er Jahren wurde angesichts von Photoshop, Digitalkameras und computeranimierten Sauriern in Hollywood-Blockbustern wortmächtig darüber diskutiert, ob den Bildern im anbrechenden «digitalen Zeitalter» noch zu trauen ist. Spätestens mit der Durchsetzung von Smartphones und sozialen Netzwerken hat sich allerdings gezeigt, dass digitale Bildmedien kaum weniger als analoge dazu genutzt werden, «reale» Ereignisse aufzuzeichnen. Noch nie wurde unser Alltag so umfassend bildlich dokumentiert wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Zugleich sind digitalen Bildern ganz neue Funktionen zugewachsen: Als «operative Bilder» (Harun Farocki) sind sie Teil vonautomatisierten Steuerungs- und Überwachungsprozessen, etwa in autonomen Fahrzeugen und Waffensystemen; als vernetzte und in Echtzeit online geteilte Bilder erfüllen sie neue kommunikative Funktionen; und dank ihrer Einbettung in Prozesse der Metadatierung, der Mustererkennung und des forensischen Datenabgleichs erlauben sie die Rekonstruktion komplexer Ereignisse und die Simulation von Prozessen, die sich ansonsten der Sichtbarkeit entziehen.
Die Geschichte digitaler Bilder ist somit auch eine Geschichte sich wandelnder Deutungen, widerstreitender Zuschreibungen und immer neuer Versuche, das Spezifische des «Digitalen» begrifflich zu erfassen. Dieser Theorie- und Ideengeschichte wollen wir uns im Seminar anhand der Lektüre klassischer Texte von den 1990er Jahren bis zur Gegenwart nähern, von Autor:innen wie Lev Manovich, Harun Farocki, Hito Steyerl, Trevor Paglen und Joanna Zylinska. Diese Texte, die oft von Künstler:innen verfasst wurden und in Auseinandersetzung mit künstlerischer Praxis entstanden sind, werden wir sowohl in ihrem medienhistorischen Kontext situieren als auch auf ihre Bedeutung für die Gegenwart hin befragen. Denn auch wenn die Bildwelten generativer KI, die auf der Synthese riesiger Bilddatenbestände basieren, zweifellos eine Zäsur darstellen, haben die damit verbundenen Fragen, Hoffnungen und Befürchtungen eine Vorgeschichte, die zu rekonstruieren sich lohnt.
Das Seminar wird an der Universität Zürich als Wahlmodul im «Kolloquium Filmtheorie» und an der ZHdK im Minor «Critical Thinking» angeboten. In anderen Studiengängen wird es als «Überfachliches Angebot» angerechnet.
Lehrender: Prof. Dr. Roland Meyer
Mittwochs, 14:00-15:45
ECTS: 6