Historische Archive waren schon immer umkämpfte Orte. Welche Spuren der Geschichte institutionell bewahrt werden und wessen Erinnerungen Eingang in das kollektive Gedächtnis finden, das waren und sind hochpolitische Fragen. In diesem Sinne war die Digitalisierung von Archivbeständen, wie sie seit den 1990er Jahren in grossem Massstab vorangetrieben wurde, nicht allein mit dem Versprechen eines niedrigschwelligen Zugangs verbunden, sondern sollte auch neue Formen der demokratischen Teilhabe und Partizipation ermöglichen.
Gegenwärtig stehen jedoch gerade digitale Archive vor zuvor unbekannten Herausforderungen. Zum einen sind sie, wie derzeit in den USA zu beobachten, staatlichen Zensur- und Säuberungsmassnahmen oft schutzlos ausgesetzt. Zum anderen rücken sie in den Fokus grosser Tech-Unternehmen, die sie als massenhaft verwertbare Ressource von Trainingsdaten für die Entwicklung sogenannter «generativer Künstlicher Intelligenz» erschliessen wollen.
Selten zuvor erschien die Vergangenheit so gefährdet: Während authentische Spuren der Geschichte aus den digitalen Archiven verschwinden, erlaubt generative KI die endlose Produktion pseudo-historischer, alternativer Vergangenheiten.
Das Seminar nimmt diese aktuellen Entwicklungen zum Anlass, um nach der Zukunft des digitalen Gedächtnisses zu fragen. Ausgehend von Fallstudien zu aktuellen digitalen Archivierungsprojekten und künstlerischen Archivpraktiken sowie begleitet von theoretischen Lektüren werden wir analysieren, wie sich die Formen und Institutionen des kollektiven Gedächtnisses unter den Bedingungen digitaler Plattformen, «künstlicher Intelligenz» und synthetischer Medien verändern. Zugleichwollen wir die Möglichkeiten digitaler Gegen-Archive erkunden, die sich autoritären Zugriffen zu entziehen versuchen.
Das Seminar wird im Master «Kulturanalyse» im Modul Praktiken, Subjekte, Macht angeboten. In anderen Studiengängen wird es als «Überfachliches Angebot» angerechnet.
Lehrende: Prof. Dr. Roland Meyer, Lars Pinkwart
Mittwochs, 10:15-12:00
ECTS: 3